Arm und Reich: Die Schicksale menschlicher Gesellschaften
von Jared Diamond - ISBN 9783596172146
Broschiert, 583 Seiten
Veröffentlichung Jun 2006 bei Fischer (Tb.), Frankfurt
Amazon-Verkaufsrang #6771
Bewertung 4.5/5.0 bei 25 Meinungen
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Autor: Jared Diamond
ISBN 9783596172146
ISBN 3596172144 (alt)
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Kritik zu Arm und Reich: Die Schicksale menschlicher Gesellschaften
Das passende Buch zur gegenwärtigen Hungerdiskussion vom 02.08.2008
Bewertung: 1 von 5 Sternen
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Was will Diamond erklären?
"Dieses Buch unternimmt den Versuch, die Geschichte aller Völker in den letzten 13 000 Jahren zu skizzieren. Die Frage, die es zu beantworten sucht, lautet: Warum nahm die Geschichte auf den verschiedenen Kontinenten einen so unterschiedlichen Verlauf?" Insbesondere geht es Diamond um die Erklärung der heutigen weltweiten Verteilung von arm und reich. Dabei verweist er auf natürliche insbesondere geographische Gegebenheiten, die in der Vergangenheit zu unterschiedlicher "Entwicklung" geführt haben sollen und die Unterjochung von Völkern und Armut erklären soll.
Was taugen seine Erklärungen?
Dass der Mensch ohne oder mit geringer Naturbeherrschung tatsächlich von natürlichen und auch geographischen Bedingungen abhängig ist, ist nicht zu bestreiten. Was Jared Diamond daraus macht, hat mit diesem relativ banalen Sachverhalt wenig zu tun. Er will geschichtliche Phasen erklären und bringt dabei folgende Widersprüche zu Stande.
1.Auf der einen Seite behauptet Diamond, dass die "Entwicklung" von geographischen Voraussetzungen abhängig ist, die für den Austausch der Entwicklungsfortschritte und damit für eine beschleunigte Entwicklung sorgt. Damit unterstellt er, dass die Menschen ihr Wissen austauschen wollen. Auf der anderen Seite soll aber ein Entwicklungsfortschritt dazu führen, dass andere Völker beherrscht werden, was ja nun gerade das Gegenteil eines Austausches ist, der zu einem Ausgleich von Wissen und dessen Nutzung führt.
2.Die historische Entwicklung soll dabei so verlaufen sein, dass auf der einen Seite diejenigen, die landwirtschaftliche Überschüsse über den unmittelbaren Verbrauch hinaus produziert haben, andere Menschen benötigt haben, die ihre Vorräte schützen. Damit sollen diese in einem arbeitsteiligen Interesse der Produzenten von der Produktion freigestellt worden sein. Auf der anderen Seite sollen aber genau diese "Beschützer", Herrschaft über die Vorräte und die Produzenten haben, also im glatten Gegensatz zu den Produzenten stehen.
3.Schließlich soll die Erweiterung der landwirtschaftlichen Produktion die "Erklärung" dafür sein, dass Waffen aus Stahl produziert wurden. Dass es ein Interesse und einen Bedarf an Waffen erst einmal geben muss, und damit jemand entscheidet, dass aus Stahl Waffen und keine Pflüge hergestellt werden, ist Jared Diamond völlig fremd.
4.Als Subjekte der Geschichte, die sich "entwickeln", benennt Diamond die Völker. Er behandelt diese als einheitliches Interesse und gemeinsamen Willen. Warum diese Völker dann eine Staatsgewalt hatten, was ja wohl Interessengegensätze innerhalb des Volkes unterstellt, taucht bei Diamond nicht auf.
5.Daher fällt ihm auch nicht einmal auf, dass damals wie heute innerhalb eines Volkes sehr wohl gravierende Unterschiede im Zugang zum technischen Fortschritt und dessen Nutzung bestanden bzw. bestehen.
6.Die Methode, Geschichte zu erklären, derer sich Diamond bedient, bezeichnet er als historisch. In der historischen Begründung wird ein gesellschaftlicher Zustand so erklärt, dass er das Resultat des zeitlich vorherigen Zustands ist. Das "Vorher" - also ein zeitliches ins Verhältnis setzen zweier Perioden - wird als Ursache des "Nachher" behauptet. Die Frage, warum in einer Gesellschaft aus einer Vorperiode etwas weiterexistiert oder nicht, kann nur in dieser Gesellschaft gefunden werden, und nicht darin dass es so etwas vorher einmal gab.
7.Diese Denkweise schafft Freiraum für alle Beliebigkeiten, die Diamond sich als Ursache für das, was er gerne als Erklärung nehmen möchte, heraussuchen kann. Nach Diamonds Logik ist überhaupt nicht einzusehen, wieso er schon bei der Einwanderung des Cromagnon aufhört und nicht bis zum Urknall zurück geht.
8.Zu seiner historischen Methode gehört auch, der in x-facher Gestalt variierte Gedanke, dass in der Geschichte irgendetwas eingetreten ist, weil es die Möglichkeit dazu gab. Wegen der Möglichkeit aus Stahl Waffen zu produzieren, gab es Stahlwaffen; wegen der Möglichkeit mit Nahrungsüberschüssen eine Herrschaft zu ernähren, gab es Herrschaft; etc. etc. Das spannende "Warum" scheint Diamond überhaupt nicht zu interessieren.
9.Das "Streben nach Reichtum und Macht" ist bei Diamond eine inhaltsleere Bestimmung. Da setzt Diamond den Inhalt der Macht und des Reichtums beim Cromagnon (höchstwahrscheinlich hatten die auch eine Bundeskanzlerin und der reiche Cromagnon hat immer auf sein volles Bankkonto gestarrt.) mit Kolonisatoren und modernen Staatenlenkern gleich. Weder taucht auf, worin dieser Reichtum oder die Macht bestehen, warum es Macht gibt, und danach gestrebt wird, wer Nutznießer und Geschädigter der jeweiligen Macht und des Reichtums ist.
Ein inhaltsleeres Macht- und Reichtumsstreben kann es in der Wirklichkeit nicht geben, außer man hat ein gedankliches Konstrukt vor, womit Macht und Reichtum als menschliche, natürliche Grundeigenschaft behauptet werden. Hier wird Diamond selbst rassistisch, indem er dem Menschen das "Streben nach Macht und Reichtum" als Naturkonstante unterstellt.
10.Ähnlich geht Diamond auch bei der Beherrschung der Natur in Landwirtschaft und Technik vor. Er unterstellt den Zweck "Entwicklung". Was soll das sein? Wozu und warum wurde die Technik jeweils weiter entwickelt. Kann es wirklich im Interesse aller Mitglieder der "Völker" gelegen haben, wenn die "Entwicklung" dazu stattfindet, Mittel für Kriege zu entwickeln, oder hat jeder Erdenbürger die Landung auf dem Mond bestellt.
11.Besonders absurd wird aber seine Erklärung der gegenwärtigen Armut. Heutzutage, da seit mindestens 150-200 Jahren die Naturbeherrschung durchgesetzt ist, da es keine relevanten geographischen Schranken mehr gibt (Wie kamen denn sonst die Eroberer zu den "Nichtentwickelten"?), wo es eine gigantische Produktivität gibt, mit der alles - allerdings nur unter dem Vorzeichen, ob sich damit Geld verdienen lässt - hergestellt werden kann und wo ein Vielfaches der gegenwärtigen Weltbevölkerung ernährt werden könnte, behauptet Diamond doch glatt, dass die heutige Armut eine Wirkung der geographisch bedingten ungleichen "Entwicklung" sei.
12. Ob Diamond nun die Absicht hat oder nicht, ist egal. Aber sein Buch ist nichts anderes als ein Erklärungsmodell, das mit dem Gestus des Bedauerns konstatiert, dass das, was sich heute so als Elend (arm und reich) vorfindet, leider historisch notwendig ist.
Die Mühe der fast 600 Seiten kann man sich daher sparen. Dann schon lieber das Buch von Lueer. Warum verhungern täglich 100.000 Menschen?: Argumente gegen die Marktwirtschaft
978-3-596-17214-6, 978-3-5961-7214-6
978-3-59617-214-6, 978-3596172146, 978-3-59-617214-6
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