Ausnahmezustand
von Giorgio Agamben - ISBN 9783518123669
Taschenbuch, 120 Seiten
Veröffentlichung Apr 2004 bei Suhrkamp
Amazon-Verkaufsrang #18734
Bewertung 5.0/5.0 bei 1 Meinungen
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Autor: Giorgio Agamben
ISBN 9783518123669
ISBN 3518123661 (alt)
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Kritik zu Ausnahmezustand
Ein Weg zur Gerechtigkeit durch Deaktivierung des Rechts? Agambens provokante Thesen zum Ausnahmezus vom 13.06.2006
Bewertung: 5 von 5 Sternen
Diese Kundenmeinung empfanden 9 von 9 Besuchern hilfreich
Vorausgesetzt, es existierte im Denken eine Schwierigskeitsskala, die von der 1 hoch bis zur 10 reichen würde, dann hätte sich dieser Band eine glatte 11 verdient. Agamben musste sich dann auch von einem französischen Kritiker anhören, dass der Band permanent auf der Stelle trete, ohne je zu einem greifbaren Ergebnis zu kommen. So als wäre dies nicht das größte Kompliment für einen philosophischen Text. In diesem Sinne sollte man sich nicht von der Schwierigkeit dieses Buches erschrecken lassen. Manche Lektüre dauern eben länger als andere. Und einfache Antworten haben in der Philosophie sowieso noch nie zu etwas geführt.
In dem für Agamben so typischen Stils des subtilsten Auf-der-Stelle-Tretens wird hier in 6 Abschnitten, die Problematik der traditionellen Definition des Ausnahmezustands ausgeschritten. Der Ausnahmezustand steht für Agamben für ein Spannungsfeld unserer Kultur, in der zwei entgegengesetzte Kräfte wirken: eine, die einrichtet und setzt, und eine, die deaktiviert und ent-setzt. Der Ausnahmezustand ist der Punkt ihrer höchsten Spannung und zugleich das, was sie, indem sie mit der Regel zusammenfallen, ununterscheidbar zu werden droht. Leben im Ausnahmezustand, heißt deshalb für Agamben, die Erfahrung beider Möglichkeiten zu machen (p. 103) und dennoch im Versuch nie abzulassen, das Funktionieren der Maschine zu unterbrechen, die den Okzident derzeit in den weltweiten Bürgerkrieg führt (ebd.)
Eingestiegen wird in die Problematik des Ausnahmezustands - wie es sich gehört - mit Carl Schmitts klassischer Definition aus der Politische Theologie von 1922: Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet. Agamben beschließt diesen Abschnitt mit den Worten: Es sieht ganz danach aus, als enthielte das Recht einen wesensmäßigen Bruch, der zwischen Norm und Anwendung verläuft und der im Extremfall nur per Ausnahmezustand gekittet werden kann, also durch Schaffung einer Zone, in der die Anwendung des Rechts suspendiert wird, aber das Gesetz als solches in Kraft bleibt (p. 40). In den weiteren Abschnitten geht es nun darum, diese Zone hier genauer zu erfassen, ohne die onto-theologische Strategie (p 72) zu verfolgen, die darauf aus ist, das reine Sein im Logos einzufrieden, um die Beziehung zwischen anomischer Gewalt und Recht im Ausnahmezustand zu gewährleisten (p. 72).
Agamben diskutiert in den folgenden Abschnitten viele klassische Texte angefangen etwa von Walter Benjamins Text Zur Kritik der Gewalt, den Derrida schon in seinem Text Force de loi, auf so unnachahmliche Weise traktiert hatte, über Überlegungen zum Zusammenhang von Fest, Trauer und Anomie ausgehend von einem wichtigen Text von H.S. Versnel, über Franz Kafka, dessen Figuren für Agamben soviel mit der gespenstischen Form des Ausnahmezustands zu tun haben (p.77).
Er wirft in dem Abschnitt Gigantomachie rund um eine Leere die folgende (und für das Buch entscheidende) hochbrisante Frage auf: Was passiert mit dem Gesetz nach seiner messianischen Erfüllung? Und antwortet. Es handelt sich natürlich nicht um einer Übergangsphase, die nie zu ihrem Ende gelangt, und ebensowenig um den Prozess einer unendlichen Dekonstruktion, der das Recht in einer gespenstischen Welt aufrechterhält und zugleich nicht mehr mit ihm zu Rande zu kommen vermag. Entscheidend ist hier, dass das nicht mehr praktizierte, sondern studierte Recht nicht Gerechtigkeit ist, sondern nur die Pforte, die zu ihr hinführt. Einen Weg zu Gerechtigkeit zu bahnen heißt nicht Auslöschung, sondern Deaktivierung und Untätigkeit des Rechts also einen anderen Gebrauch vom Recht zu machen. (...) Eines Tages wird die Menschheit mit dem Recht speln wie Kinder mit ausgedienten Gegenständen, nicht um sie wieder ihrem angestammten Gebrauch zuzuführen, sondern um sie endgültig von ihm zu befreien. Die Befreiung ist die Aufgabe des Studium oder des Spiels. (p. 76-77).
Abschließend kann man sagen, dass das Buch vor allem für souveräne Leser geeignet ist, die sich nicht durch provokante Thesen - wie die über die Deaktivierung des Rechts - schockieren lassen. Und Leser, die die Geduld aufbringen, sich lange mit einem kleinen aber mächtigen Buch zu beschäftigen.
978-3-518-12366-9, 978-3-5181-2366-9
978-3-51812-366-9, 978-3518123669, 978-3-51-812366-9
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