Das Handwerk der Freiheit: Über die Entdeckung des eigenen Willens
von Peter Bieri - ISBN 9783596156474
Broschiert, 445 Seiten
Veröffentlichung Aug 2006 bei Fischer (Tb.), Frankfurt
Amazon-Verkaufsrang #2551
Bewertung 5.0/5.0 bei 13 Meinungen
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Autor: Peter Bieri
ISBN 9783596156474
ISBN 3596156475 (alt)
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Kritik zu Das Handwerk der Freiheit: Über die Entdeckung des eigenen Willens
Labyrinth und Ariadnefaden im Wechselspiel vom 03.07.2007
Bewertung: 5 von 5 Sternen
Diese Kundenmeinung empfanden 44 von 49 Besuchern hilfreich
Sie sind ein freier Mensch! Sie entscheiden, ob Sie diese Rezension lesen und sich auf eines der bemerkenswertesten Themen der Philosophie einlassen. Sie werden einen brillanten Bieri erleben.
"Frei ist, was nur den Gesetzen seines eigenen Wesens gemäß handelt und von nichts anderem weder in noch außer ihm bestimmt ist" (Schelling) Weder solche Art von Herleitung noch die Fragen des Determinismus im Widerspruch zur Freiheit sind Bieri wichtig. Er leitet sein Bestreben einzig aus der Fülle der Gedanken über die Jahrtausende ab, mit dem Wissen, nichts Neues bringen zu können außer genau die Transparenz, die dem Leser ein gesellschaftliches Verständnis von Freiheit und Willen ermöglicht. Er möchte zu einer begründeten Entscheidung kommen in einer verwirrenden Sache. Eloquent und eben bestens verständlich leitet er die aus den Begriffen und Schriften von Platon, Aristoteles, über Kant, Fichte, Schelling, Wittgenstein und den anderen Freiheitsphilosophen und -dichtern gewonnene Erkenntnisse in ein flüssiges Leseerlebnis, weil er auf Fußnoten und sonstige Literaturverweise im Text verzichtet. Lassen Sie sich also entspannt in ein Labyrinth der philosophischen Verwirrung führen, bedenken Sie mit Bieri die Möglichkeiten und die Gründe weiterer Wege, um am Ende zu wissen, was Erkenntnis und Entscheidung ist und mit welchen rationalen Mitteln Sie zur angeeigneten Handlungsfreiheit kommen, die aus dem gedanklichen Irrgarten hinausführt. Er spielt gelassen mit Labyrinth und Ariadnefaden zur selben Zeit.
Verständlichkeit als Prämisse legt nahe, Beispiele (z. B. der Literatur) zu verwenden, da hier jeder den Zugriff und eine Vorstellung gewinnen kann. Dostojewski zeigt in "Verbrechen und Strafe" (Schuld und Sühne) die Hintergründe eines Mordes und reibt sich an der Frage, ob Schuld vorliegt, wenn nicht selbst gewählte Bedingungen diesem Vorschub leisten. So erreicht Bieri schnell den Kontext, in dem "Freiheit von" und "Freiheit zu" diskutiert und beleuchtet werden. Freiheit, die zu Handlungen führt, zur Verantwortung der Handlung und zu bedachten Möglichkeiten zukünftiger Art oder rückwirkender Reflexion zur Klärung der Schuldfähigkeit und Verantwortung. Aufgezeigt wird somit der Spielraum von Möglichkeiten, der von inneren Motiven (aktuelles Außen, gespeicherte Erfahrung, Herkunft) beeinflusst wird. Dostojewskis Roman ist die Schnur, Raskolnikov die Figur, an der Bieri jede Idee, jeden Gedanken in seiner Verzwirbelung entdeckt.
Wunsch, Wille, Handlung - real oder in der Phantasie grenzt er ab. Er spürt den Voraussetzungen nach wie Fähigkeit, Mittel oder Gelegenheit; er klärt die Wege zur Entscheidung auf Grund der Voraussetzungen, die zu Handlungen führen, sei es widerwillig oder willenlos. Nur dort wo Wille ist, ist Urheberschaft, ist Ich. Dort ist Entscheidung, diese wiederum bezeugt die Urheberschaft des eigenen Willens. Das gilt ebenso in der Spekulation: "Ich könnte auch anders wollen", denn nur in dieser Überlegung bekräftigt man das erste, Wille ist nicht beliebig und die Freiheit des Willens damit sinnvoll gebunden, nämlich in der Folge des Urteils über das Richtige. Da wo eigene Entscheidung ist, ist eigener Wille, wo Manipulation die Entscheidung scheinbar als eigene girlandet, wird man in der Nachträglichkeit des Überlegens zum "Lakai eines fremden Gedankens", wie Dostojewski es treffend formulierte. Und doch sind wir Menschen aus dem Kontext der Kernfamilie gebunden an Regeln und Vorstellungen, an Gedanken und moralischen Werten. Diese Familie ist wie eine "sanfte Sekte", deren Gedankengut wir in Übereinstimmung oder in kritischer Distanz überblicken und vielleicht in einigen Provinzen des Denkens zur Freiheit verhelfen. Ganz sicher jedoch gelingt dieses nicht, wenn der Wille ein erzwungener ist.
Bieris Brillanz ist sehr einfach und damit umso bemerkenswerter: er lockt nicht gleich mit bündigen Thesen, sein Buch gleicht vielmehr einem Übungsbuch. Der Meister führt Regie und damit das Denken in die unterschiedlichen (Sack-)Gassen des Irrgartens, in denen uns die verschiedenen, nicht selten überraschend andersgearteten Intuitionen der Freiheit entgegenkommen. Bieri bemüht die sokratesschen Methoden des Dreischritts zur Auflösung. (1) Widerspruch erzeugt er in der Idee der "bedingten Freiheit". Dass "frei" und "bedingt" nicht zusammen passen, scheint so offensichtlich, dass sein Bemühen höchste Aufmerksamkeit des Lesers bekommt; und man erkennt, dass gerade die Freiheit des Willens ihre Bedingtheit verlangt. (2) So folgt er Sokrates zweiter Methode, in der der Beweis an seinem Widerspruch erhärtet werden muss. Die Idee einer "unbedingten Freiheit" kann, wie Bieri scharfsinnig dekonstruiert, nur unbeherrschbar, rätselhaft oder verrückt sein. Da wo alles "unbedingt" ist, wird keine Entscheidung möglich, die Frage Warum? gälte als Unverschämtheit, der Wille stürbe im Dilemma zwischen allem Gleichwertigen wie Buridans Esel. Die Unbedingtheit löscht ihn als Wille aus. (3) Die dritte Rede bringt die Synthese in der Idee einer "angeeigneten Freiheit". Aneignen ist eine Tätigkeit, sie macht etwas persönlich. Damit muss persönliche Willensfreiheit mit Engagement erkämpft werden im Strom des Lebens, zwischen seinen Widerständen, Hemmnissen und Passagen. Sie kann kommen und gehen, erreicht werden und wieder verloren gehen. Spätestens hier steht fest, dass Bieri dem Determinismus mikrophysikalische Unbedeutendheit zumisst. Das "Handwerk der Freiheit" so betrachtet lässt vermuten, dass Sie alles bekommen, was sich zu wünschen lohnt. Wünschen Sie sich dieses Buch. Diese Lese-Erfahrung formt ihr Selbstbild, genau wie Bieri selbst die Philosophie einstuft.
Peter Bieri, (1944 -) aus Bern, ist Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin. Unter dem Alter Ego Pascal Mercier erschienen der bekannteste Roman "Nachtzug nach Lissabon" und der aktuelle "Lea".
978-3-596-15647-4, 978-3-5961-5647-4
978-3-59615-647-4, 978-3596156474, 978-3-59-615647-4
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