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Eine Jugend. SZ-Bibliothek Band 86

von Patrick Modiano - ISBN 9783866155367

Gebundene Ausgabe, 187 Seiten
Veröffentlichung Dec 2007 bei Süddeutsche Zeitung / Bibliothek
Amazon-Verkaufsrang #16260
Bewertung 4.5/5.0 bei 3 Meinungen
Autor: Patrick Modiano
ISBN 9783866155367
ISBN 3866155360 (alt)

Meinung der Redaktion zu Eine Jugend. SZ-Bibliothek Band 86

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Kritik zu Eine Jugend. SZ-Bibliothek Band 86

"als sie noch keine Eltern, sondern einfach sie selber waren" vom 19.12.2007
Bewertung: 4 von 5 Sternen
Diese Kundenmeinung empfanden 2 von 2 Besuchern hilfreich

Modiano, Patrick, Eine Jugend, 1981 (SZ-Bibliothek 2007)

Modiano wurde 1945 geboren, Details aus seinem Leben, wie sie der Klappentext erwähnt, tauchen in dem Buch in ähnlicher Weise auf, so dass man vermuten darf, dass der Autor eigene Erlebnisse in verfremdeter Form nacherlebt hat: Eine Jugend in den Nachkriegsjahren in Paris, auf die er Anfang der 80er zurückblickt (s. Erscheinungsjahr 1981).
Anfangs begegnen wir den Helden des Buches, Louis und Odile- verheiratet seit etwa 15 Jahren, 2 Kinder- wie sie Odiles 35.Geburtstag in dem von ihnen geleiteten Kinderheim in den Bergen mit Freunden begehen."Wie seltsam wäre es doch", denkt Odile an diesem Tag, kennten die Kinder die Eltern, so wie diese waren vor ihrer Geburt - als sie noch keine Eltern, sondern einfach sie selber waren." (10). Unversehens findet ein harter Schnitt statt und wir verfolgen jetzt die beiden als noch nicht 20Jährige, wie sie durch Paris treiben, wie sie sich kennen lernen und gleich heiraten und wie sie aus Not abhängig werden von Bejardy, von dem sie erst spät herausfinden, dass es ein Mörder und Krimineller ist. Da wir die beiden anfangs im Berg- und Familienidyll erlebt haben, haben wir das Buch hindurch die Beruhigung, dass es ihnen gelingen wird, sich aus dieser Abhängigkeit zu befreien - wie, soll hier nicht vorweggenommen werden.
Es geht dem Autor wohl auch weniger darum, in erster Linie Spannung auf den Ausgang zu erzeugen. Abwechselnd schreibt er aus Odiles und Louis' Perspektive, bis sie auch Ereignisse zusammen erleben. Odile versucht vergeblich, mit ein paar Texten als Sängerin Erfolg zu haben, sie wird aber in erster Linie sexuell missbraucht, bis sie Louis kennen lernt und sich mit ihm zusammentut. Beide erleben die Ereignisse fraglos, im wahrsten Sinne. Erst sehr spät fasst sich Louis ein Herz, Brossier - ebenfalls in Bejardys Diensten stehend - zu fragen, was für Geschäfte Bejardy eigentlich betreibt, und wird mit sehr vagen Hinweisen vertröstet. Unterdessen wird er von seinem Chef mit Geld versorgt, er und Odile werden eingeladen, in den privaten Bereich hineingezogen, bis Bejardy den ahnungslosen Louis für eine Geldverschiebung über die Grenze nach England benutzt.
Beide erleben die Ereignisse ein bisschen wie im Traum. Der Leser erfährt Eindrücke, Namen, Ereignisse ganz unmittelbar, ohne dass ein erklärender Zusammenhang hergestellt würde. Dadurch gewinnt das Ganze an Unmittelbarkeit, Dramatik, aber es wirkt auch bruchstückhaft , begrenzt und manchmal etwas rätselhaft. Odile lässt es einfach geschehen, als sie von einem Musikverleger sexuell missbraucht wird, im Vordergrund stehen ausschließlich ihr Verhalten, ihre Impressionen und nur sehr vordergründige Gedanken, sie bemüht sich "aufzugehen im Dekor." (62). Was darunter zu verstehen ist, wird an anderer Stelle deutlicher, als der allwissende Erzähler über die beiden reflektiert: "Ihr Dasein hat sich noch nicht abgelöst von der Umgebung: es ist eins mit den Häuserfassaden und den Gehsteigen...Später, wenn sie sich an diese Periode ihres Lebens erinnern, werden sie Kreuzungen sehen und Hauseingänge: jeder einzelne Lichtreflex da ist auf sie übergegangen. Sie waren nichts als die in den Farben dieser Stadt spielenden Blasen: grau und schwarz." (153). Folglich beschränkt sich der Autor ganz darauf, die beiden in ihrer Umgebung aufgehen zu lassen, sie sind als Personen (noch) nicht entwickelt, nur in ihrer Zärtlichkeit und Unschuld füreinander da, und damit auch begehrlich für die Menschen, die sie umgeben.

Eine Jugend - das ist in diesem Buch ein Zustand begrenzter Wahrnehmung und unbestimmten Empfindens, gekennzeichnet durch Angst und Unruhe über die sehr ungewisse eigene Existenz. Am Schluss heißt es, dass sich seine Jugend von Louis ablöst , "so wie ein Felsbrocken langsam zum Meer hinab stürzt und in der Gischt verschwindet." (155).
Dies ist in vieler Hinsicht ein schönes und rührendes Buch, leicht hingeworfen wie ein impressionistisches Bild, das aber auch so unfertig wirkt, wie es der Zustand der Jugend ist. Ein zusammenhängendes Bild vom Leben im Paris der 50er und 60er Jahre entsteht nicht, vielleicht auch deswegen nicht, weil moralische Fragen ganz ausgeklammert werden. So gibt sich Odile einmal zu den Diensten einer Prostituierten her, ohne dass sie damit Louis gegenüber Probleme hat, und die beiden gründen ihre Existenz als Leiter eines Kinderheims auf einen Betrug, ohne dass dieses eine Rolle spielt. Soll Jugend auch so sein?

Weitere ISBN:
978-3-866-15536-7, 978-3-8661-5536-7
978-3-86615-536-7, 978-3866155367, 978-3-86-615536-7
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