Kinderarmut: Einführendes Handbuch für Forschung und soziale Praxis
von Vs Verlag - ISBN 9783531144504
Broschiert, 284 Seiten
Veröffentlichung Nov 2005 bei Vs Verlag
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Bewertung 4.5/5.0 bei 2 Meinungen
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Autor: Vs Verlag
ISBN 9783531144504
ISBN 3531144502 (alt)
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Kritik zu Kinderarmut: Einführendes Handbuch für Forschung und soziale Praxis
auch 2007 noch unverändert aktuell - empfehlenswert vom 02.10.2007
Bewertung: 5 von 5 Sternen
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Derzeit registrieren wir eine öffentliche Thematisierungswelle des Problems der Kinderarmut, wie sie in ihrer Intensität und durchaus vorhandenen Breitenwirkung lange Jahre nicht für möglich gehalten wurde. Dabei sind ebenso die demografischen wie die bildungsbezogenen aktuellen Hintergründe der Diskussion sicher wichtige Erklärungselemente für die Aufmerksamkeit. Diese öffentliche Debatte kann Anlass sein, auch nicht mehr ganz neue Bände nochmals herzunehmen und auf ihren Gehalt für die derzeitige Debatte zu befragen. Die Autorin des vorliegenden Bandes ist in diesem Publikationskontext keine unbekannte - ins¬besondere seit 2003 ist sie mit mehreren Monografien und Sammelbänden - mal zu internationalen Bezügen des Themas, mal mit eigenen empirischen Ergebnissen - in Erscheinung getreten. Sie beschäftigt sich dabei nicht erst mit dem Thema, seit sie Professorin für Sozialpolitik (derzeit an der FH Münster) ist, es passt gewiss ins Bild einer leidenschaftlichen Wissenschaftlerin, dass sie schon vor über 20 Jahren (!) im Kontext bundespolitischer Sozialpolitik maßgeblich an der Entwicklung von Grundsicherungsmodellen beteiligt war, die explizit als wesentliche Zielstellung die Bekämpfung der Armut hatten.
Die Publikation formuliert im Umschlagtext seinen selbst gesetzten Anspruch: Sie möchte einen ersten Überblick über den europäischen Forschungsdiskurs geben und die bisherigen bundesrepublikanischen Forschungsergebnisse systematisch darstellen. Außerdem zeigt sie Handlungsperspektiven in unterschiedlichen Bereichen (Frühförderung, Gesundheitsförderung, Haushaltsführung, Bildung, Soziale Arbeit) auf, wobei sie sich an verschiedenen Dimensionen kindlicher Lebenslagen sowie an ihren Lebenswelten orientiert". In der Einleitung formuliert es Margherita Zander noch anspruchsvoller: Sie beansprucht, ein einführendes Handbuch" vorzulegen, dies explizit für Wissenschaft und Praxis". Es erhebe damit den Anspruch, den bisherigen Kenntnisstand zu }Kinderarmut} systematisch zusammenzufassen". Ebenso explizit soll der Anschluss an den europäischen Forschungsdiskurs gefunden werden sowie ein systematischer Überblick über die bundesrepublikanischen Forschungsergebnisse entlang der Abfolge kindlicher Lebensphasen" erfolgen (S. 7). Schließlich sollen unterschiedliche Handlungsperspektiven dargestellt werden, die sich an verschiedenen Dimensionen kindlicher Lebenslagen und ihren Lebenswelten orientieren - im einzelnen geht es dabei um Früh- und Gesundheitsförderung, Schule und Bildung, Familie und Haushaltsführung sowie Stadtteil- und Elternarbeit. Mit diesen drei Zielen ist zugleich die wesentliche Gliederungsidee des Buches in entsprechenden Themenclustern benannt. In der vorliegenden Besprechung wird neben einer Gesamteinordnung und -einschätzung auch eine kurzgefasste Vorstellung ausgewählter Beiträge integriert, um einen klareren Eindruck von dem Werk zu vermitteln.
Der 286 Seiten starke VS-Band ist entsprechend in drei Teile gegliedert, die neben dem gemeinsamen Einleitungsaufsatz, jeweils 4-5 Einzelbeiträge umfassen. Der erste Teil widmet sich Kinderarmut in europäischer Sicht - ein Blick über die Grenzen". Er versammelt vier Einzel-Länderstudien zu, die jeweils unterschiedliche Fokussierungen aufweisen. Die Auswahl wird im Anschluss an Esping-Andersons wohlfahrtsstaatliche Regimetypen begründet. Großbritannien ist Vertreter der liberalen Wohlfahrtsstaaten, der Beitrag zu Polen wurde zusätzlich als Vertreter eine osteuropäischen Nachbarlandes eingeworben, bei denen spezifische quantitative und qualitative Dimensionen mit entsprechender Brisanz gesehen werden. Finnland repräsentiert den skandinavischen Typ des Wohlfahrtsstaates, während Italien als südeuropäisches Land ausgewählt wurde.
Der Aufsatz von Tess Ridge über Kinderarmut und soziale Ausgrenzung in Großbritannien gibt mit einem kurzen sozialpolitischen Grundlagenabsatz über Großbritannien sowie dann insbesondere ausführlichen empirischen Informationen über ein Forschungsprojekt instruktive Einblicke in die britische Diskussion. Von besonderem Interesse ist der methodologische Ansatz, der in dem empirischen Projekt zur Anwendung kam. Er geht davon aus, dass es notwendig ist, die subjektive Sichtweise der Kinder selbst zur Sprache zu bringen, entsprechend werden auch vielfältige Interviewausschnitte präsentiert. Im Kontext des Insistierens auf Kinderrechte und der Überzeugung, dass Kinder in vielfältiger Hinsicht die Experten ihrer selbst sind, wird damit ein wichtiger Akzent gesetzt, der auch in Deutschland mehr und mehr Beachtung findet.
Elzbieta Tarkowska informiert über Kinderarmut und soziale Ausgrenzung in Polen. Armut von Kindern wird als charakteristischer Trend der Übergangsperiode in Polen erörtert. Dabei kommt ebenfalls das vorherrschende familienorientierte Forschungsparadigma zur Sprache, eine kindzentrierte Forschung wird nur in noch seltenen Forschungsarbeiten angewendet. Trotz teilweise nicht allzu präziser und verallgemeinernder Aussagen wird zugleich - mit Bezug auf das Bildungswesen, auf kulturell-familiale Traditionen, auf die Problematik der Kinderarmut usw. - für den begrenzten Seitenumfang ein dichtes Länderportrait erzielt, das zugleich engagiert Partei gegen die konstatierten Tendenzen einer Vererbung von Armut ergreift und erste Hinweise für sinnvolle Armutsbekämpfungsmaßnahmen liefert.
Aufschlussreich an Aila-Leena Matthies} Aufsatz zur Modellhaftigkeit des nordischen familienpolitischen Modells hinsichtlich der Frage, was gegen Kinderarmut wirkt, ist die Perspektive einer Finnin, die inzwischen in Deutschland forscht und arbeitet. Auf diese Weise entgeht sie vermutlich in besonderem Maße simplifizierenden Transferverlockungen, was denn angesichts der vielen für Deutschland im Vergleich zu Finnland negativen Vergleichen aus der finnischen Lektion zu lernen sei. Die Bekämpfung der Kinderarmut wird dabei in historischer Perspektive über einen längeren Zeitraum betrachtet. Zunächst geht sie auf Basis der UNICEF-Daten von 2005 auf einen internationalen Vergleich der Armutssituation ein und hebt auch im weiteren Verlauf instruktiver weise nicht nur auf Finnland, sondern häufiger auch auf weitere skandinavische Staaten ab. Die Autorin erschließt neben englischsprachiger Literatur auch finnische Arbeiten, sie stellt kundig die finnische Situation dar und diskutiert sehr aufschlussreich die Frage, inwiefern der finnische Weg auch bei Gefährdungen der wirtschaftlichen Prosperität und steigender Globalisierungskonkurrenz aufrechterhalten kann.
Die phasenorientierte Darstellung des zweiten Teils will explizit altersphasen- und lebenslagenspezifisch differenzierte Ergebnisse zur Kenntnis geben und zur Debatte stellen. Gerda Holz zum Vorschulalter, Margherita Zander zum Grundschulalter, Karl August Chassé und Peter Rahn zur Schwelle des Übergangs zu weiterführenden Schulen und Ursula Boos-Nünning - etwas aus dem Rahmen fallend aber in der Einleitung mit gewichtigen Argumenten begründet - zu Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund bestücken den Teil.
Gerda Holz gibt zunächst einen kompakten gutgemachten Datenüberblick vor allem basierend auf SOEP- und UNICEF-Daten, bevor sie das von ihr und Kollegen entwickelte und angewandte kindbezogene Armutskonzept vorstellt. Dabei geht es u.a. um die Möglichkeit, auf der Basis einer differenzierten Operationalisierung des Lebenslagenansatzes analytisch unterschiedliche Lebenslagetypen voneinander abzugrenzen: Wohlergehen", Benachteiligung" und multiple Deprivation". Die entsprechenden Befunde der hochinteressanten, wenngleich bereits 2000 veröffentlichten AWO-ISS-Studie werden im weiteren Verlauf vorgestellt und sind immer noch - trotz inzwischen notwendiger Vorsicht aufgrund des älteren Datenbestandes - vom Zugang und den qualitativen Tiefendimensionen die Beschäftigung unbedingt wert. Dies gilt in Sonderheit auch für die Diskussion der Risiko- bzw. Schutzfaktoren, womit deutlich wird, dass es sich um ein nicht nur vieldimensionales, sondern auch interdisziplinär hoch anschlussfähiges Vorgehen handelt, das einen sehr differenzierten Zugang zu Verursachungs- ebenso wie zu Wirkungsdimensionen kindlicher Armut bietet. Die Diskussion zu Möglichkeiten der Armutsprävention sind demgegenüber nur sehr knapp angerissen, die vorausgehenden Erläuterungen aber machen deutlich, wie genau auch der Interventionsaspekt auf der methodologischen Grundlage diskutiert werden kann.
Der eigene Aufsatz der Herausgeberin ist in mehrfacher Hinsicht originell und lesenswert. Zunächst unterzieht Zander eine frühe Armutsstudie aus dem Jahr 1929 einer Relektüre, um von hier aus auch neuere Thematisierungen von psychologisch inspirierter Armutsforschung in Verbindung mit Armutsbekämpfungsüberlegungen zu erörtern. Dabei spielen Grundkategorien einer sozialpädagogischen" Sichtweise und Überlegungen zu einer Weiterentwicklung des Konzepts der Entwicklungsaufgaben eine zentrale Rolle, Hintergrund für diese Ausführungen ist der aufschlussreiche Versuch, interdisziplinäre Wurzeln einer kindzentrierten Armutsforschung zu identifizieren. Diesem Paradigma gehorcht auch die Auswahl dreier wichtiger aktuellerer Studien, die freilich in unterschiedlichen Designs und mit unterschiedlichen Forschungsfragen einen kindzentrierten Zugang zur Wirklichkeit der Armutserfahrung und -bewältigung suchen. Natürlich wäre auch eine andere Auswahl möglich gewesen, die Synopse der Forschungen und die darauf bezogene Diskussion aber gibt eine hervorragende Möglichkeit, ebenso basale Rahmungen wie die diversen Lebenslagenansätze sowie ein dynamisches Wirkungsmodell in Anschluss an Sabine Walper einzubinden. Abgerundet wird der Aufsatz durch Überlegungen zur Einschätzung der aktuell beobachtbaren starken Bezugnahme auf das psychologische Resilienzkonzept.
Karl August Chassé und Peter Rahn ziehen die Perspektive moralischer Ökonomie benachteiligter Kinder heran, um die Bewältigungsmechanismen durch Peerintegration im Überganz zu weiterführenden Schulen zu beleuchten. Dabei berufen sie sich in diesem Rahmen auf Ergebnisse eigener Forschungsergebnisse, die insbesondere in Gestalt von vier Falldarstellungen berichtet werden und diskutieren diese abschließend in ihrer Bedeutung für schulische und außerschulische Bildung, u.a. mit Fokus auf die gemeinwesenorientierte Schule einerseits, Bildungsräume im Kontext sozialpädagogischer außerschulischer Aktivitäten andererseits.
Ursula Boos-Nünning weicht mit ihrem Aufsatz von der Gliederungsidee Lebensaltersphasen ab und beleuchtet die Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund - u.a bezüglich von Armutskontexten wie benachteiligten Wohnquartieren usw., schließlich mit Blick auf Schutzfaktoren und Bewältigungsmöglichkeiten, sodann unter dem Aspekt von Gegenmaßnahmen.
Die letzten 100 Seiten des Bandes nimmt Teil 3 in Anspruch unter der Klammer Armutsprävention - Handlungsperspektiven in unterschiedlichen Feldern sozialer Praxis". Das Spektrum reicht dabei von der Frühförderung und Gesundheitsförderung über Armutsprävention im bildungsbereich bis zu Überlegungen zur Haushaltsführung als Beitrag zur Armutsprävention und der Untersuchung zweier Modellprojekte in Saarbrücken unter dem Gesichtspunkt der Bekämpfung von Armutsfolgen durch Soziale Arbeit. Hans Weiß skizziert vor dem Hintergrund einer kritischen Diskussion unterschiedlicher Frühförderansätze die Komplexität sowohl des Zusammenhangs von Armut und Entwicklungsgefährdung wie einer wirksamen - und in längerfristiger Sicht letztlich für die Gesellschaft ökonomischen - Frühförderung. Dabei geht es um high-risk-Familien, Überlegungen zu einer entsprechenden Indikation sowie die fachlich-inhaltlichen und organisatorischen Gestaltungserfordernisse. Im Zentrum steht die Frage, wie frühe Hilfen" Kinder mit psychosozialen Risiken frühzeitig erreichen können. Antje Richter diskutiert Armutsprävention als Auftrag für Gesundheitsförderung und sieht begründet und sieht empirische und systematische Hinweise dafür, dass soziallagenbezogene Gesundheitsförderung eine mögliche und chancenreiche Perspektive für die bessere Verknüfung der Sektoren Gesundheit, Soziales und Bildung ist.
Marita Kampfhoff beschäftigt sich mit Armutsprävention im Bildungsbereich, betont dabei den in vielen aktuellen Untersuchungen hervorgehobenen Aspekt des Zusammenhangs von sozialer Ungleichheit und Bildungschancen und macht darauf bezogene strukturelle sowie pädagogische Vorschläge, wobei sie einräumt, dass dazu im wesentlichen Evidenzen aus anderen Ländern herangezogen werden können, die letztlichen Wirkungen bei einer Umsetzung in Deutschland nicht völlig sicher beurteilt werden können. Irmhild Kettschau thematisiert eine haushaltswissenschaftliche Sicht auf Armut in Familien und entwickelt in diesem Rahmen Konzepte der Armutsprävention durch haushaltsbezogene Bildung, Beratung und Betreuung. Rosie Divivier und Dirk Groß befragen zwei vielbeachtete und auch anderswo schon berichtete und diskutierte Modellprojekte mit Gemeinwesenbezug, die im Schnittfeld von Sozialer Arbeit, Jugendhilfe und Sozialpolitik verortet sind. In vieldimensionaler Konzeption - die theoretisch wesentlich auf Lebenslagen- und Spielraumkonzepte der Armut von Kindern und Jugendlichen gegründet sind - werden beträchtliche Handlungsmöglichkeiten sichtbar, die die Notwendigkeit eines konsequenten Sozialraumbezuges ebenso unterstreichen wie die Möglichkeiten, die sich eröffnen, wenn Armutsprävention als kommunale Querschnittsaufgabe begriffen und umgesetzt wird.
Insgesamt ist der von Margherita Zander herausgegebene Band eine wichtige Bereicherung der Studien und Publikationen zur Armut von Kindern und Jugendlichen. Er hat auch einige Zeit nach seiner Veröffentlichung - außer hinsichtlich einiger quantitativer Zahlenbezüge - nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Herausfordernd sind die Orientierungen an einer kindzentrierten Forschungsperspektive und die immer wieder stark gemachte Frage nach Wirkungen in einem differenzierten Zugriff. Für eine qualitative Perspektive sind die vielfältigen Hinweise zu Entwicklungsaufgaben im Kontext einer Lebenslaufperspektive und zu individuellen Reaktions- und Bewältigungsmöglichkeiten in Verschränkung zu strukturellen und sozio-ökonomischen Bedingungen überaus befruchtend. Die Beiträge des Bandes verzichten in wohltuender Weise auf (sozial-)politische Fensterreden, stattdessen qualifizieren sie in vielen Beiträgen unterschiedliche Ansätze differenzierter nicht-monetärer Intervention eines nur vordergründig nur ökonomischen Problems, das als solches mehrdimensional analytisch begriffen wird. Diese Stärken machen den Band weiterhin sehr empfehlenswert, auch wenn er das Ziel eines Handbuches sicher nur sehr eingeschränkt erreichen kann, nicht alle Beiträge von gleicher Qualität sind und auch das selbstgesetzte Programm teilweise noch Ankündigungscharakter hat oder doch zumindest nur ausschnitthaft einlösen kann
978-3-531-14450-4, 978-3-5311-4450-4
978-3-53114-450-4, 978-3531144504, 978-3-53-114450-4
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