Martin Luther als Ausleger der Heiligen Schrift
von Mathias J. Kürschner - ISBN 9783765591013
Broschiert, 60 Seiten
Veröffentlichung Aug 2004 bei Brunnen-Verlag, Gießen
Amazon-Verkaufsrang #144826
Bewertung 5.0/5.0 bei 1 Meinungen
neu: ab 2.00 Euro
Autor: Mathias J. Kürschner
ISBN 9783765591013
ISBN 3765591017 (alt)
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Kritik zu Martin Luther als Ausleger der Heiligen Schrift
Räumt mit zahlreichen Missverständnissen auf, eröffnet auf diese Weise völlig neue theologische vom 22.07.2007
Bewertung: 5 von 5 Sternen
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Im dritten Band der neuen Edition Ichthys wendet sich Mathias Kürschner "Martin Luther als Ausleger der Heiligen Schrift" zu. Dabei wird schnell deutlich, dass es dem Verfasser nicht um eine kirchengeschichtliche Studie geht, die bisher übersehene Texte oder Fragen aufgreift. Nein, eine Reihe von bekannten und wichtigen Themen des Schriftverständnisses bei Luther wird dargestellt: der Grundsatz des sola scriptura genauso wie der Auslegungsgrundsatz, dass die Heilige Schrift sich selbst auslegt, die Frage nach dem Inspirationsverständnis Luthers genau so wie die nach seiner vermeintlichen Kanonkritik etwa am Jakobusbrief oder der Offenbarung. Besonders ausführlich werden die grundlegenden Ausführungen Luthers über die Unterscheidung von äußerer und innerer Klarheit bzw. Unklarheit der Schrift dargestellt.
In seiner Darstellung ist der Verfasser nicht nur historisch engagiert, sondern behält beständig aktuelle Herausforderungen im Blick. Die Überschrift des größten Kapitels in Kürschners Studie macht deutlich, in welchem Horizont Luther zum Gesprächspartner wird: "Klarheit
der Schrift oder neuzeitliche Subjektivität" (10-47). Sozusagen mit offenem Visier stellt sich der Verfasser nicht nur der Frage, was Luther alles an wichtigen Dingen gesagt hat, sondern mehr noch, wie weit wird er darin in der Gegenwart verstanden oder vielmehr missverstanden wird, was er uns heute damit zu sagen hat. Diese Auseinandersetzung um das rechte Verständnis Luthers heute ist der Nerv der Studie, die daher bisweilen auch nicht an Schärfe und Zuspitzung spart.
Das Konfliktfeld, in dem sich Kürschner Luther zuwendet, lässt sich so umschreiben: im 20. Jahrhundert waren weite Kreise der Theologie bemüht, auf der einen Seite Luthers Theologie aufzunehmen und auf ihre Weise treue Lutheraner zu sein, auf der anderen Seite sah man sich zugleich Einsichten des Protestantismus nach der Aufklärung verpflichtet, wie etwa der grundsätzlich kritischen Haltung zur Bibel. Dass man irgendwie auch Lutheraner ist und gleichzeitig sich in weitem Maße von einem Treueverhältnis zur Heiligen Schrift lösen kann, ist weit verbreitet.
Eine zentrale Einsicht, um die es Kürschner dabei geht, ist folgende. Die allermeisten Lutherforscher haben völlig zu Recht die untrennbare Verknüpfung von Wort und Geist bei Luther hervorgehoben. Dabei wird Luther jedoch von den meisten einseitig antispiritualistisch gedeutet. In Abwehr der Schwärmer hat sich Luther vehement dagegen gewandt, sich auf den Heiligen Geist unabhängig vom eindeutigen Buchstaben berufen zu können. Das Wort allein sei der Weg, über den wir den Heiligen Geist erlangen können. In diesem Sinne ist in der Tradition der modernen Bibelkritik der Faden aufgenommen worden: indem die historisch- kritische Erforschung der Bibel sich grammatisch und historisch um den Wortsinn der Bibel bemüht, arbeitet sie im Bereich der äußeren Klarheit des Wortes. Ob es darüber hinaus auch zu einer Aneignung in Glaube und Bekenntnis kommt (innere Klarheit) steht allein in Gottes Hand.
Diese einseitige und bequeme Auflösung des Zusammenhangs von Geist und Wort kann sich jedoch beim besten Willen auf Luther nicht berufen. Mathias Kürschner hat hier eine stattliche Anzahl von Belegen zusammengetragen, wie es sonst noch nirgends geschehen ist, die deutlich machen, dass man zweierlei sagen muss: wir brauchen das Wort, um den Heiligen Geist zu bekommen, wir brauchen den Heiligen Geist, um die Worte letztlich (im Blick auf die Sache) zu verstehen. Das Wechselverhältnis von Wort und Geist ist nicht einseitig mittels wissenschaftlicher Beschäftigung mit der Bibel aufzulösen. Der Heilige Geist leistet mehr als eine bloße Aneignung des schon vernünftig verstandenen. Weder im Sinne Luthers noch im Sinne des Neuen Testaments gibt es echtes Verstehen unabhängig von Geist und Glaube. Es war Hellmuth Frey, der hier schon vor vielen Jahren gegen den größten Teil der Lutherforschung protestierte und sich in seiner scharfen Kritik an der modernen Bibelwissenschaft auf den Reformator berief (vgl. Frey/Peters: Geistliche Schriftauslegung, Edition Ichthys Bd. 1, 16-19).
Ein kleiner Irrtum sei an dieser Stelle mit ausdrücklicher Zustimmung des Autors korrigiert: Dass Luthers Diktum "non res verbis, sed verba rebus subiecta sind" (40) mit der Übersetzung "nicht liegt die Sache den Worten, sondern die Worte der Sache zugrunde" (a.a.O., Anm. 93) wieder gegeben wird, ist nicht der Versuch einer pneumatischen Übersetzung, die nur durch den Geist begriffen werden kann; sondern schlicht ein Versehen. Der Sinn ist natürlich umgekehrt: Luther behauptet nach wie vor, dass "nicht die Sache den Worten, sondern die Worte den Sachen unterworfen seien".
Man kann sich gut vorstellen, wie so mancher Leser am Ende des Buches reagieren wird: Wie können wir denn dann die Schrift auslegen? Gibt es eine neue, bessere Synthese zwischen Luther und dem Zugang zur Bibel in unserer Zeit? Warum bietet der Autor nicht selbst eine neue, bessere Vermittlung an? Wie können wir die Bibel denn dann heute sachgemäß auslegen? In der Tat, wer so fragt, hat den Autor verstanden; wohl gemerkt, wenn er wirklich so fragt, und nicht diese Frage in den Raum stellt, nicht um sie beantwortet zu haben, sondern um sich mit ihr die Anfrage, die von Luthers Umgang mit der Schrift ausgehen kann, vom Leib zu halten. Denn als Kronzeuge dafür, dass man irgendwie schon auf einen guten Weg sein wird, wo man doch schon so lange evangelisch ist, ist Luther vielleicht doch unbequemer, als es vielen lieb sein mag.
Dass die Lutherdarstellung von Mathias Kürschner am Ende weniger mit Ergebnissen und Thesen, sondern mit Fragen aufwartet, deren Antworten nicht irgendwo in der TRE aufzusuchen sind, mag so manchen irritieren; Es mag wohl aber auch einen guten Sinn haben, uns aus einer gewissen Bequemlichkeit im Umgang mit Luther herausscheuchen zu lassen, uns viel mehr von Luther herausgefordert zu sehen. Denn von Luther auf Fragen gebracht zu werden, auf die uns im Moment die Antworten fehlen, ist bestimmt keine Schande; und in jedem Falle besser, als sich mit Lösungen zu trösten, die das wirklich Fragwürdige unserer heutigen theologischen Situation noch nicht einmal in den Blick bekommen haben.
Thorsten Dietz
Ichthys 40 (2005), 54f
978-3-765-59101-3, 978-3-7655-9101-3
978-3-76559-101-3, 978-3765591013, 978-3-76-559101-3
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