Politische Eschatologie nach Paulus. Badiou - Agamben - Zizek - Santner
von Dominik Finkelde - ISBN 9783851324815
Broschiert, 142 Seiten
Veröffentlichung Oct 2007 bei Turia & Kant
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Autor: Dominik Finkelde
ISBN 9783851324815
ISBN 3851324811 (alt)
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Kritik zu Politische Eschatologie nach Paulus. Badiou - Agamben - Zizek - Santner
Der Apostel Paulus aus der Sicht zeitgenössischer Philosophie vom 06.09.2007
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Wenn vom Völkerapostel Paulus in der populären Literatur die Rede ist, dann meist negativ. Er gilt im Gegensatz zum guten" Jesus als der Begründer einer Weltreligion und Architekt dessen, was wir heute Kirche nennen. All dies interessiert Finkelde nicht. Es geht auch nicht - wie der Buchtitel vermuten lassen könnte - um Eschatologie (die Lehre von den letzten Dingen, also Gericht, Fegefeuer, Hölle, Himmel, etc) im klassischen Sinn, sondern um die Überwindung postmoderner Blockierungen hin zur Möglichkeit neuen universalistischen Redens und Philosophierens.
Hierzu stellt Finkelde vier theologisch unverdächtige moderne Philosophen vor, die sich alle mit Paulus beschäftigt haben und bringt diese ins Gespräch.
In der Einleitung zu seinem Buch gibt Finkelde mit Bezug auf ein Gemälde von Giovanni Paolo Panini einen kurzen Überblick in sein Buchprojekt. Es ist erstaunlich, dass Paulus vermehrt von philosophischer, ja atheistisch - agnostischer Seite aufgegriffen wird. Was macht ihn so interessant?
In den folgenden vier Hauptkapiteln stellt Finkelde vier Pauluslektüren vor:
Alain Badiou interessiert sich für das Bekehrungserlebnis des Apostels, die Erscheinung des auferstandenen Jesus Christus auf dem Weg nach Damaskus (siehe auch das Titelbild des Buches). Fortan steht der auferstandene Christus (fast) allein auf der paulinischen Agenda. Badiou interessiert sich nicht für die Auferstehung Jesu als solche (diese hält er für eine Fabel"), sondern den Ereignischarakter und die unerschütterliche Treue des Paulus zu diesem Ereignis. Badiou wendet hiermit seine Lehre vom Ereignis" und der konstitutiven Treue" zu ihm an, das er in seinem Grundlagenwerk Das Sein und das Ereignis" systematisch entfaltet hat. Die subjektive Überzeugtheit lässt Paulus die vorhandenen parallelen Lebenswelten mit ihrer je eigenen Symbolik als überholt und überwindbar erscheinen, so dass neues, universalistisches Reden jenseits komunitaristischer Zirkel (wieder) möglich ist.
In seinem zweiten Kapitel beschäftigt sich Finkelde mit Giorgio Agamben und besonders dessen hier relevantem Werk Die Zeit, die bleibt". Nach Agamben führt Paulus einen neuen qualitativen Zeitbegriff ein, den der messianischen Zeit". Er greift bei seiner Konzeption auf Gedanken von Gustave Guillaumes, Martin Heidegger, Walter Benjamin, Franz Kafka u.a. zurück. In seinem Buch Homo Sacer" hat Agamben schon die Figur des Muselmann" als Ikone des Leidens expliziert: Der KZ-Häftling als völlig entmenschlichte Existenz, dem selbst die einfachsten Instinkte menschlicher Nächstenliebe versagt bleiben. Was macht einen Menschen zu einem Menschen? Kann man ihm das Human-Humanistische" rauben und was bleibt dann übrig? Agamben meint, dass trotz aller Entmenschlichung ein Rest" übrigbleibt. Diesen Rest" bringt er in Beziehung zu Paulus bzw. zum gekreuzigten und entmenschlichten Jesus Christus, den Pilatus nach erfolgter Geißelung dem aufgeputschten Volk zu Jerusalem vorstellt (Ecce Homo!") und den Paulus in seinem Wort vom Kreuz" (1. Korinterbrief, Kapitel 1 und 2) verkündet. Weitere Inhalte, die Agamben einbringt und Finkelde referiert sind das Gesetz" und die Lehre von der kommenden Gemeinschaft", die hier nur genannt seien.
Der dritte vorgestellte Philosoph ist der Slowene Slavoj Zizek. Er sieht das vorrangige Interesse des Paulus am Tod Jesu. In der Kenosis (Selbstentleerung) kommt das Christentum an seinen radikalsten Punkt: in Christus stirbt Gott, die Welt ist fortan Gott-los. Das Christentum beschreibt einen Abgrund, in den sich Gott selbst hineinstürzt und somit eine Lücke" entstehen lässt. Zizek referiert Motive von Kierkegaard, Nietsche u.a. und verbindet sie zur Konzeption einer Anti-Religion", die er mit den Axiomen seines Lehrers Lacan verknüpft. Finkelde beeindruckt Zizeks radikale Konsequenz, die freilich letztlich das Christentum abschafft. Wenn christliche Apologeten also die anfänglich süssen Worte Zizeks für sich reklamieren, so sollten sie bedenken, auf was Zizeks Konzeption letztlich hinausläuft: sie sägen den Ast ab, auf dem sie selber sitzen.
Badiou, Agamben und Zizek hat Finkelde schon früher in einem Artikel in der Philosophischen Rundschau (54, Nr.4, 2006, S.303 - 332) vorgestellt, der vierte Autor, Eric Santner, kommt nun hinzu. Santner verbindet jüdischen Messianismus mit dem psychoanalytischen Diskurs. Auch er greift auf Gedanken Lacans zurück und sieht in dem Damaskusereignis eine Begegnung mit dem Lacan'schen Realen. So wird die traditionell christliche Redensweise von Offenbarung" neu sinnvoll, ohne dass man sich auf eine Verlagerung in die Badiou'sche Subjektivität zurückziehen muss.
Eine kurze Schlussbetrachtung rundet das schmale, aber sehr dichte Buch Finkeldes ab. Deshalb sind wenigstens Grundkenntnisse der behandelten Autoren für den Leser von Finkeldes Buch sehr empfehlenswert. Das Buch ist für Philosophen und Theologen in gleicher Weise herausfordernd und bringt frischen Wind in die manchmal zirkulären Diskurse. Wer seine atheistischen oder theistischen Scheuklappen pflegen möchte, wird hier nicht bedient. Das Buch ist keine Strandlektüre und mutet dem Leser die Anstrengung des Begriffs zu.
978-3-851-32481-5, 978-3-8513-2481-5
978-3-85132-481-5, 978-3851324815, 978-3-85-132481-5
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